Andacht

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Das Wort zum Sonntag für Sie zusammengestellt.

 

 

WORT ZUM VOLKSTRAUERTAG 18.NOVEMBER

 

 

 

Als Jugendliche habe ich mir des Öfteren vorgestellt, wie es wohl wäre, vor zwei verfeindeten Gruppen zu stehen und sie zum Frieden und zur Versöhnung zu bewegen – nur durch gut gewählte und vernünftige Worte. „Das muss doch möglich sein“, habe ich gedacht. „Jeder Mensch muss doch begreifen, dass das Leben einmalig und kostbar ist. Kein Mensch kann doch Schmerz und Verlust für andere und für sich selbst wollen.“

Die Leidenschaft, Menschen zur Versöhnung zu bewegen, trage ich immer noch in mir, doch mittlerweile bin ich etwas nüchterner und realistischer geworden. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg ist es der Menschheit erschreckender Weise gerade einmal fünf Tage gelungen, weltweit keinen Krieg zu haben. Ich habe erkennen müssen: Die Sehnsucht nach Frieden bewegt noch lange nicht alle Menschen dazu, Frieden auch zu leben.

Frieden ist Arbeit, ist bedachtes Tun und Lassen, braucht Herz, Vernunft und vor allem Besonnenheit. Wir müssen alle Mittel ausschöpfen, die uns die Diplomatie an die Hand gibt. Nichts ist dabei verkehrter, als sich nach Sündenböcken umzusehen. Und nichts ist furchtbarer, als Menschen, die nur in Frieden leben möchten, mit Terroristen in eine Ecke zu stellen. Wohin das führt, wenn Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft oder aufgrund ihrer Religion beargwöhnt oder gar gebrandmarkt werden, daran erinnert uns der heutige Volkstrauertag.

Der Friede fängt dabei bei uns an. Der Rabbi von Alexandria beschloss einmal, die ganze Welt, die doch so voller Streit und Leid ist, zu verbessern. Doch dann erschien ihm das geplante Projekt doch etwas zu hochgestochen und er beschloss, nur das Land in Ordnung zu bringen, in dem er lebte. Alsbald jedoch erschien ihm auch dies als eine zu schwere Aufgabe. Vielleicht genügt es, so dachte er, wenn ich meiner Heimatstadt zu einer besseren Moral verhelfe. Oder die Gasse, in der ich lebe, oder wenigstens das Haus, in dem ich wohne, besser mache. Als der Rabbi einsah, dass es ihm wahrscheinlich nicht einmal gelingen werde, seine Familie zur Besserung zu bewegen, fasste er den endgültigen Beschluss: „Also muss ich halt mit mir selbst beginnen.“

Der Friede muss also bei uns selbst beginnen. Bevor wir zu einem grenzenlosen Frieden fähig werden, muss der Friede zuerst die Grenzen in uns selber überschreiten. Er muss in alle Bereiche unserer Seele eindringen, auch in die, die wir abgrenzen und ausschließen, weil sie uns fremd erscheinen. Nur wenn das Fremde in uns befriedet ist, wird von uns ein Friede ausgehen, der auch das Fremde außen und die Fremden in der Umgebung umschließt. Gott kann uns diesen Frieden schenken, wir müssen ihn nur darum bitten.

Manuela Bünger ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach