Die Geschichte der Evangelischen Kirche Lützellinden

 

Lützellinden, heute ein Stadtteil von Gießen

Lützellinden war lange ein erfolgreiches und wohlhabendes Bauerndorf, wirtschaftlich nach Wetzlar orientiert. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein bezog es sein Einkommen aus der Land- und Forstwirtschaft. 1979 wurde es der jüngste, höchstgelegene und westlichste Stadtteil der Universitätsstadt Gießen. Der Ort an der Autobahnausfahrt Gießen-Lützellinden ist heute ein landschaftlich schön gelegener Wohnstadtteil, in den 1993 zahlreiche Spätaussiedlerfamilien aus der ehemaligen Sowjetunion zuzogen. Er hat unter den Gießener Stadtteilen den zweithöchsten Anteil an Kindern und Jugendlichen. Für die nächste Zukunft wünschen sich die hier zusammentreffenden drei Kommunen die Nutzung der umliegenden Flächen für mehrere Gewerbegebiete und zwei benachbarte neue Autohöfe.

Frühes Christentum nördlich des Limes: Das erste Jahrtausend

Zwischen 400 und 700 wurde der Lahngau zwischen Lahn und Limes von christlichem Wirken erreicht. Der Heilige Lubentius ist nach der Überlieferung bereits im 3. Jahrhundert von Trier aus moselabwärts und lahnaufwärts gereist. Das Archidiakonat Dietkirchen, sein Begräbnisplatz, war die erste kirchliche Gliederung (im Erzbistum Trier), der der Lahngau mit dem Hüttenberg angehörte. Die Basilika im Wetzbachtal, die die „Gottgeweihte“ Theutbirg 778 dem Kloster Lorsch schenkte, ist die älteste uns bekannte und datierbare Kirche im engeren Raum, der aber bald weitere Schenkungen folgten. Von anderen Kirchen wie der Vorgängerin der Klosterkirche Dorlar ist keine genau datierbare Geschichte bekannt. Lützellinden gehörte später im genannten Archidiakonat bereits zum Dekanat Wetzlar. Bis heute sind es das Katholische Dekanat und der Katholische Bezirk Wetzlar sowie der Evangelische Kirchenkreis Wetzlar, die die entsprechend Funktion für Lützellinden einnehmen.

790 und 792, in der Zeit, als die von Karl der Großen geführten Sachsen kriegerisch durch den von Chatten besiedelten Lahngau zogen, entstanden die ersten erhaltenen Belege für die „villa linden“ (Dorf Linden) und die „lindermarca“ (Linder Mark). Winicho und nach ihm Hadufuns und Gebetrut schenkten ihren Besitz dem Heiligen Nazarius, damit dieser vor Gott für ihre Seelen eintrat. Die Gebeine des Nazarius waren aus Rom in das 760 gestiftete Kloster Lorsch an der Bergstraße, eine frühe Reichsabtei, gelangt. Die Lorscher Mönche hielten die Schenkungen in ihrem Codex fest, dessen spätere Kopie erhalten ist. Im Jahre 1990 stützte sich die 1200-Jahrfeier von Lützellinden, Großen-Linden und Allendorf an der Lahn auf die Annahme: Die Linder Mark ist „das Gebiet westlich von Großen-Linden, wo später Lützellinden entstanden ist, und der nördliche Bereich des heutigen Klein-Linden“ (Hans Heinrich Kaminsky).

Die ersten Nachrichten aus Lützellinden:

13. – 15. Jahrhundert

1233 teilten Erzbischof Siegfried III. von Mainz, Abt Raimund von Eberbach und Magister Konrad von Marburg Papst Gregor XIII. in ihrem ersten Untersuchungsbericht zum Heiligsprechungsverfahren der Elisabeth von Thüringen mit, dass Lugardis aus Luzzelinden laut beeideter Aussagen am Michaelisfest des Vorjahrs nach zweijährigem Leiden von einer schweren Wassersucht geheilt wurde, als sie das Gelübde ablegte, am Grab der Elisabeth Gaben darzubringen.

1243 wird Heinricus de Luzenlenden und 1248 Eckardus de Lutzellinde in Gerichtsakten erwähnt. 1261 und 1262 tritt der „plebanus“ (in Volk lebende Geistliche) Anselmus aus Lützellinden als Zeuge auf. Er ist der erste uns bekannte Lützellindener Pfarrer. 1278 verkauft Werner von Linden mit seiner Frau Bertha an einen Wetzlarer Bürger seinen Besitz neben dem Friedhof von Lützellinden. Dieser muss der Lützellindener Kirchhof sein, dessen Lage im Dorfzentrum auf dem Sporn eines Abhangs nun seit mehr als 700 Jahren erhalten ist. Damals lagen mindestens zehn bäuerliche Anwesen um Kirche und Friedhof. Wahrscheinlich gründete das Haus von Merenberg die erste Marienkirche. Johann von Nassau als Herr von Merenberg verpfändete 1349 das Dorf Lützellinden mit allen Rechten an Henrich von Elkershausen. Das Haus von Elkershausen war seitdem Kirchenpatron, bis es 1598 ausstarb.

Der Westteil der heutigen Kirche ist Teil einer ehemaligen Kirchenburg mit Versammlungsplatz. Noch 1823 waren Reste der Festungsanlage erhalten. Schriftliche Belege über die Anlage gibt es erst seit der Reformation, als die Kirche als Gemeinde und Wirtschafteinheit einer vorgesetzten Behörde rechenschaftspflichtig wurde.

1485 wurde Nikolaus Dreyeris, genannt Andree, der Rektor der Pfarrkirche Lützellinden, zum Archipresbyter des Landkapitels der Stadt Wetzlar erwählt. Er setzte in der Ausübung dieser Leitungsfunktion seinen geistlichen Dienst in Lützellinden fort.

 

 

In der Reformation ganz vorn: 1527-1603

Am 22. Februar 1527 wurde Adam Kirchhain aus Beilstein nach der von der Homberger Synode der Landgrafschaft Hessen von 1526 eingeführten „Reformation der Kirchen Hessens auf dem Grund des Wortes Gottes als der sichersten Richtschnur“ als Pfarrer eingesetzt. Dies ist im Gebiet der heutigen Evangelischen Kirche im Rheinland die älteste bekannte Einführung eines auf der Reformation gegründeten evangelischen Pfarrers. Alle Regelungen der Reformation durch Landesfürsten und Synoden erforderten geistlichen und politischen Mut, da das Luthertum erst 1555 eine anerkannte legitime Konfession wurde.

In den 1530-er Jahren wurden mehrere Lützellindener Einwohner mit mehrjährigen Haftstrafen belegt, die als „Wiedertäufer“ den neuen Glauben auch mit Forderung und Vollzug einer neuen Taufe verbanden. Die Ziegenhainer Zuchtordnung von 1539 antwortete in der Landgrafschaft Hessen darauf mit einer Betonung der gemeindlichen Verantwortung und der christlichen Erziehung und führte die Konfirmation ein. 1548 protestierten die Geistlichen des Hüttenbergs und des Landes an der Lahn, unterstützt durch den regierenden Sohn des Landgrafen, gegen das „Interim“, eine teilweise Rückkehr in die bisherige Kirche, das in Weilburg bereits verlesen worden war.

Im Jahre 1571 erwarb die Kirche Lützellinden ihre Taufschale, die noch heute bei jeder Taufe benutzt wird. Eine Visitation in Lützellinden gründete 1592 die Schule, die auch von den Kindern aus Allendorf an der Lahn besucht wurde. Dieselbe Visitation gründete die Schulen in Hochelheim-Dornholzhausen und Kirch-Göns, während Dutenhofen sich einer Schulgründung widersetzte. 1600 beklagte die Visitation, dass die Gemeinde das Abendmahl verachte, dass es unter ihr unversöhnlichen Hass gebe und dass viele sich schämten, zum Katechismusunterricht zu kommen. Die Umsetzung der Reformation seit dem Jahr 1526 wurde abgeschlossen durch die am 15. November 1601 auf einer Hüttenberger Synode in Niederkleen beschlossene Hüttenberger Gottesdienstordnung.

Gemeinsame Herrschaft von Hessen und Nassau:

Vom 17. zum Beginn des 18. Jahrhunderts

Dass das damalige Amt Hüttenberg bis zu seiner Aufteilung im Jahre 1703 von den Landgrafen von Hessen und den Grafen von Nassau gemeinsam regiert wurde, schuf einen besonderen Bedarf für Regelungen, auch wenn beide Häuser lutherisch waren. Die Besonderheit des Gebiets setzt sich darin fort, dass es auf evangelischer Seite heute zur rheinischen Landeskirche gehört, aber nach allen Seiten an die hessen-nassauische oder kurhessen-waldecksche Kirche angrenzt. Das im Hüttenberger Teilungsvertrag von 1703 Nassau zugeteilte Gebiet bildete zusammen mit bisher schon nassauischen Orten ein neues Amt Atzbach. Die Grenzen dieses Amtes entsprechen weitgehend den Grenzen des heutigen Evangelischen Kirchenkreises Wetzlar ohne die Stadt Wetzlar selbst.

1616 wird erstmals erwähnt, dass die Kirche neben einer 1473 gegossenen großen Glocke zwei weitere hatte. Die kleinste von ihnen ist bis heute im Gebrauch, während die beiden großen im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen und 1949 durch neue Glocken ersetzt wurden. Zwischen 1680 und 1765 wurde die erste Orgel in die Kirche eingebaut.

Jahrhundertelang, bis 1970, wurde von der Lützellindener Pfarrstelle auch die Evangelische Kirchengemeinde Hörnsheim betreut, die heute Teil der vereinigten Kirchengemeinde Hochelheim-Hörnsheim ist.

Unter den Lützellindener Pfarrern wird von der Familienforschung Gerhard zur Avest (in Lützellinden 1636-1640) beachtet, dessen Geburt in Riga leider noch nicht genau bestimmt werden kann (www.johann-bayer.de/gen_bm/tote_punkte_h.html), sowie Johann Conrad Clemm (in Lützellinden 1641-1698 — www.clemm.org/Genealogie/clemms_-_gestern_und_heute.htm), dem zwei Schwiegersöhne in seinem Amt folgten. Ein gedrucktes Exemplar der lateinischsprachigen theologischen Dissertation von Pfarrer Johann Conrad Creuzer (in Lützellinden 1708-1769) über das „Einzige Prinzip der Allerheiligsten Theologie, das ist die kanonische Heilige Schrift, der der göttliche Heilige Geist beisteht“ wurde beim Abriss des Pfarrhauses am Ende der 1950-er Jahre von einem Gemeindeglied gerettet. In Marburg verfasst und in Gießen gedruckt ist die Schrift im Jahre 1706 dem Hessischen Landgrafen gewidmet, dem Lützellinden nun nicht mehr unterstand. Der Grabstein der Ehefrau Pfarrer Creutzers, einer Tochter seines Vorgängers war bis in das 20. Jahrhundert hinein an der Kirche erhalten:

„Schau Wanderer!

Hier ruht Frau Kreutzerin, die vieles Kreutz ertragen,

Ein andre Monika, Tabea gleich an Gaben,

Ein Martha gleich an fleiß, ihres Hauses Kron und Preiß, …“

Revolutionäre Veränderungen: 1750-1815

Um 1750 gaben sieben Lützellindener ihre Existenz im Heimatort auf, um unter Kosten und Risiken die Überfahrt in ein neues Leben in Nova Scotia im heutigen Kanada zu wagen. Weitere Auswanderergruppen folgten. Im 20. und 21. Jahrhundert besuchten Nachfahren der damaligen Auswanderer mehrfach Lützellinden. Professor Christopher Young, ein direkter Nachkomme des Lützellindener Auswanderers Andreas Jung, hielt im Jahre 2005 einen Vortrag über den Weg der Auswanderer und ihren Anteil an der Entwicklung der Stadt Lunenburg (www.seawhy.com/gvlu.html).

Nach den Umwälzungen, die sich in der Französischen Revolution ausdrückten, den folgenden Eroberungen Napoléons und schließlich seiner Niederlage ordneten 1815 ein letztes Mal die Fürstenhäuser die Herrschaftsverhältnisse auf dem europäischen Kontinent. Für zahlreiche Teile Deutschlands führte dies zu Veränderungen der politischen Landkarte. Durch einen Vertrag zwischen dem Herzogtum Nassau und dem Königreich Preußen vom 31. Mai 1815 kam das Amt Atzbach zu Preußen. Am 9. Juni beschloss der Wiener Kongress, auch die ehemalige Reichsstadt Wetzlar Preußen zuzuteilen. Dieselbe Schlussakte des Kongresses sprach Preußen zunächst in mehreren Teilen seine spätere Rheinprovinz zu. Wetzlar und das Amt Atzbach gehörten damit dieser Provinz an. 1816 bildeten sie gemeinsam einen Kreis Wetzlar im preußischen „Großherzogtum Niederrhein“. 1822 wuchs die Rheinprovinz endgültig zusammen. Koblenz war die Hauptstadt. Auch der Kreis Braunfels wurde in der neuen Provinz Teil des Kreises Wetzlar. Dies sind weiterere Schritte zur Entstehung der heutigen Kirchenkreise Wetzlar und Braunfels. Längst bestehende Grenzen wurden und werden weitergeführt. 1826 wurde Koblenz auch der einzige Sitz der staatlichen Kirchenleitung, des „Konsistoriums“ der Rheinprovinz. Trotz der staatlichen Kirchenorganisation rückten die Braunfelser und Wetzlarer Gebiete mit Traditionen der presbyterialen und synodalen Gemeindeleitung zusammen.

Aufbrüche in viele Richtungen: Das 19. Jahrhundert

Unter dem Eindruck des Siegs über Napoléon zur Zeit der Frühindustrialisierung mit ihrer Verelendung in den städtischen Zentren reagierte eine nationale und geistliche Erweckung auf die erschütternden Umbrüche. In vielen Lebensbereichen, in politischer Überzeugung, sozialem Einsatz, Kultur, Leibesübung und Kirche nahmen Bürger durch die Bildung freier Vereinigungen eigene Verantwortung auf. Theodor Fliedner (1800-1864), der Begründer der Kaiserswerther Diakonie, wurde in einem Pfarrhaus im nahen Taunus geboren, studierte in Gießen und heiratete in erster Ehe die mit der Basler Mission vertraute Friederike Münster (1800-1842) aus Braunfels. Die Früchte der Erweckungsbewegung prägen bis heute Kirche, Diakonie und Mission.

In Lützellinden ist 1846 und 1854 ein Gesangverein belegt. Aus dem Kriegerverein wurde der Männergesangverein 1877 Lützellinden, der heute älteste Ortsverein.

1842 wurde der neue Friedhof in Benutzung genommen. 1859 erzwang ein Gesetz für eine Schule mit mehr als 80 Schülerinnen und Schülern die zweite Lehrerstelle, die die Gemeinde Lützellinden ein Jahr zuvor noch abgelehnt hatte. . Bei diesem Anlass wirkte zum ersten Mal der Posaunenchor mit. 1892 errichtete die entstandene Gemeinschaft ein eigenes Haus, das von 1968 bis 1971 sowie von 2007 bis 2008 erweitert wurde.

In den fast fünfzig Jahren seit der Gründung der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland hatte die entstehende deutsche Gemeinschaftsbewegung Einflüsse des englischen Methodismus, der Zweiten Erweckung in den USA und der ihr folgenden Evangelisten Charles G. Finney (1792-1875) und Dwight L. Moody (1837-1899) aufgenommen. Die von ihnen geprägte Heiligungsbewegung und die englischen Heiligungsversammlungen Robert P. Smiths (1827-1898) um 1874 und 1875 sind Vorgeschichte der deutschen Evangelisationsarbeit und der Gnadauer Gemeinschaftskonferenzen seit 1888. Einflüsse der Brüderbewegung John N. Darbys (1800-1882) und mit ihm streitender Zweige wurden seit der Jahrhundertwende in der Gemeinschaftsbewegung erörtert. Auch in Lützellinden wird seitdem erneut und weiterhin um die Auslegung und Umsetzung evangelischen Glaubens gestritten.

Die Gemeinschaft führte Kinderarbeit durch. Die Sonntagsschule ist bis heute das evangelische Sonntagsangebot für Kinder im Ort. 1897, nach dem Tod von Pfarrer Hugo Schonebohm (1882-1897 in Lützellinden), erwirkte Johannes Bork ohne das Presbyterium, aber diesmal mit Hilfe des Dutenhofener Pfarrers Arthur Geibel, bei der Koblenzer Regierung die Genehmigung, eine Kinderschule zu errichten. Sie begann im selben Jahr im Vereinshaus und bekam erst 1963 ein eigenes Gebäude. Seit Übernahme in kommunale Trägerschaft im Jahre 1972 wurde aus ihr der heutige Städtische Kindergarten „Die Wilde 13“.

Die größte Veränderung erfuhr die Lützellindener Kirche in den Jahren 1892 und 1893. Der jüngere Teil der Kirche, der nach Osten ausgerichtete Chor, wurde abgerissen. Ein großer außen mit rötlichen Steinen abgesetzter Anbau mit Querschiff, Emporen und einem neuen Chorraum prägen das heutige Bild der Kirche. Die heutige Innenausstattung der Kirche ebenso wie das siebenteilige Glasfenster mit dem Antliz Jesu Christi, Dornenkrone und Sonnenkranz über dem Altar entstammt im Wesentlichen der damaligen Erneuerung. 1934 kamen vier Kanzelbilder des Lützellindener Künstlers Wilhelm Großhaus hinzu. In den 1970-er Jahren wurde die Ausmalung des Innenraums in schlichterer Weise erneuert und die Farbgebung verändert. Seit dem Jubiläum der Kirchenerweiterung im Jahre 1993 schmückt ein neuer Leuchter die Vierung der beiden Kirchenschiffe.

Aus der Kaiserzeit in zwei Weltkriege: 1898-1945

Pfarrer Adolf Koch prägte von 1898 bis 1936 als Geistlicher von Lützellinden mehr als ein Drittel eines Jahrhunderts. Er begleitete die Arbeit von Missionar Georg Jung in Sumatra mit einem Missions-Jungfrauenverein. 1906 unterzeichnete er ein Protokoll zur Gründung des Kreisverbandes des Westdeutschen Jungmännerbundes mit zunächst vier Vereinen und blieb bis zu seinem Tod dessen Vorsitzender. 1907 trug er auch den Lützellindener Verein als Mitglied ein, den heutigen CVJM Lützellinden. Er achtete mit dem Presbyterium auf die kirchliche Anbindung der Gemeinschaft. 1932 gründete er die Evangelische Frauenhilfe. Ihre erste Leiterin war Schwester Luise Rühl, ausgesandt vom Mutterhaus für Kinderpflege in Nonnenweier (heute: Lahr), die Leiterin der Kinderschule.

Pfarrer Koch dokumentierte die Folgen des Ersten Weltkriegs für Lützellinden. Von 1920 bis 1963 stand ein Gedenkmal für Gefallene der Weltkriege auf dem Kirchhof. 1963 wurde die neue Gedenkstätte auf dem Friedhof errichtet.

Zur Zeit der Verwaltung der unbesetzten Stelle nach dem Tod Pfarrer Kochs im Jahre 1936 bewohnte erst Johannes Brückmann das Pfarrhaus, später Pfarrer in Wetzlar-Büblingshausen, dann Pfarrer Heinrich Püschel, nach dem in Köln eine moderne Altenwohneinrichtung benannt ist (www.clarenbachwerk.de/index.php?seite=html/pueschel/pueschel.htm). Vielen Gemeindegliedern war Pfarrer Paul Schneider vertraut. 1934 wurde er aus der Nachbargemeinde Hochelheim nach Dickenschied versetzt. Sein bis ins Konzentrationslager gezeigter Mut als „Prediger von Buchenwald“ kostete ihn 1939 das Leben.

50 Lützellindener Gemeindeglieder unterschrieben 1936 und 1937 die Mitgliedskarte der Bekennenden Kirche mit einer Verpflichtung zu den Bekenntnissen der Reformation, zum Widerstand gegen Gewissenszwang, zur Treue zum kirchlichen Leben und dem Eintreten für eine Erneuerung der Kirche aus Wort und Geist Gottes.

Neuorientierungen der Kirche: Seit 1945

Die Kirchenkonferenz von Treysa behandelte 1945 das Rheinland bereits als selbstständiges Kirchengebiet. 1948 gründete sich die Evangelische Kirche im Rheinland, der nun Lützellinden im Kirchenkreis Wetzlar angehörte.

Hans Peltner, Lützellindener Pfarrer von 1945 bis 1969, vertrat die Bekennende Kirche und ihre Theologie mit dem Bezug auf aktuelle Herausforderungen. Er baute, auch als Jugendpfarrer des Kirchenkreises, diakonische Arbeit, Kindergarten und Jugendarbeit neu auf. Das Miteinander von Kirche und örtlichen Vereinen wurde gestärkt. Als durch die Vertreibung vor allem aus dem Sudetenland erstmals wieder eine Anzahl katholischer Christinnen und Christen in Lützellinden lebte, benutzte bis in die 1970-er Jahre hinein auch die neue Katholische Pfarrgemeinde Heilige Familie Hüttenberg die Lützellindener Kirche zum Gottesdienst.

Pastor Werner Högner tat von 1970 bis 1981 erstmals allein in der Lützellindener Gemeinde Dienst. Am Beginn seiner Amtszeit wurde die neue Orgel der Firma Hardt fertiggestellt. Bereits seit 1972 leistet Birgit Rausch einen qualifizierten kirchenmusikalischen Dienst. 1999 wurde die Orgel aus Spenden aus der Gemeinde um ein Bassregister (Fagott) erweitert. Nach Finanzierung der Orgel wurde das Evangelische Gemeindehaus auf einem bisher als Garten genutzten Grundstück geplant und 1980 gebaut. Die Einweihung des Gemeindehauses und den Beginn des Dienstes von Pfarrerin Ute Kannemann in Lützellinden war 1982.

Seit 1988 teilte sich das Ehepaar Ute und Horst Kannemann den Dienst in der Pfarrstelle Lützellinden. Mit der Einführung von Ute Kannemann als Superintendentin des Kirchenkreises Wetzlar im April 2006 übernahm Horst Kannemann einen größeren Anteil der Gemeindearbeit in Lützellinden in der zugeordneten Entlastungspfarrstelle von 75%. Nach seinem plötzlichen Tod im Januar 2009 wurde Pfarrer Horst Daniel in die Entlastungspfarrstelle gewählt und nahm diesen Dienst ab Januar 2010 zusammen mit dem zusätzlichen Dienstauftrag von 25% Polizeiseelsorge in Mittelhessen wahr. Nachdem Ute Kannemann zum 01.01.2017 in den Ruhestand trat, versieht Pfarrer Horst Daniel den Dienst in der Pfarrstelle Lützellinden, die seit diesem Zeitpunkt mit 40% Dienst in der Kirchengemeinde Dutenhofen/Münchholzhausen verbunden ist.

Leider musste Organistin Birgit Rausch seit 2010 ihren Dienst aus gesundheitlichen Gründen beenden.

Zum Jahresende 2010 wurde die Evangelische Frauenhilfe Lützellinden unter Zustimmung aller Mitglieder aus Alters- und Gesundheitsgründen aufgelöst. Das Engagement des aus der Frauenhilfe erwachsenen Frauenchors, bei Trauerfeiern, aber auch in Gottesdiensten und Veranstaltungen zu singen, hat schon seit 2004 der neu gegründete Kirchenchor übernommen. Inzwischen gibt es neue Formen der Frauen- und Männerarbeit sowie auch die Band „back to life“.