Den Menschen mit allen Facetten im Blick

 

Festschrift zur Reformation in Lützellinden und am Hüttenberg vorgestellt

Gießen-Lützellinden (bkl). „Wir sind in Lützellinden stolz, dass hier mit Adam Kirchhain am 22. Februar 1527 der erste evangelische Pfarrer auf dem heutigen Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland eingeführt wurde.“ So die Pfarrerin in Ruhe und ehemalige Superintendentin Ute Kannemann in ihrer Begrüßung zum Referat über die Festschrift „Lützellinden und der Hüttenberg im Zeitalter der Reformation“. Ihr Verfasser Dr. Andreas Metzing hatte seinen Vortrag von 2007 aktualisiert und anlässlich des Reformationsjubiläums in diesem Jahr die Festschrift im Evangelischen Gemeindehaus Lützellinden vorgestellt. Und zwar am 22. Februar und damit auf den Tag genau 490 Jahre nachdem Adam Kirchhain als Pfarrer in Lützellinden eingeführt wurde.

Wie die Zuhörer vom Leiter der Archivstelle der rheinischen Kirche in Boppard bei seinem informativen wie anschaulichen Vortrag erfuhren, wurde die Reformation in Hessen bereits ab 1526, beginnend mit der Homberger Synode, mit großem Nachdruck eingeführt. Damit könnten die Gemeinden am Hüttenberg als reformatorisches Kernland gelten, so Metzing. Dabei war die Gemeinherrschaft zweier Landesherren, der sogenannte „hessisch-nassauische Dualismus“, charakteristisch für das Hüttenberger Land. Über das Amt Hüttenberg, zu dem auch Lützellinden gehörte, herrschten nämlich damals der Landgraf von Hessen und der Graf von Nassau-Weilburg gemeinsam, was auch zu machtpolitischen Konflikten führte, unter anderem bei der Pfarrstellenbesetzung in Lützellinden Ende des 16. Jahrhunderts oder bei der Einführung einer Hüttenberger Kirchenordnung.

Dass es sich bei der Einführung der Reformation um einen über mehrere Jahrzehnte reichenden Prozess handelte, machte der Referent ebenfalls deutlich: „Das darf man sich nicht als einmaligen Akt vorstellen, etwa in dem Sinne, dass die Menschen abends als Katholiken in Bett gingen und am nächsten Morgen als Lutheraner wieder aufwachten.“ Darüber hinaus war die Reformation mehr als ein theologischer Prozess. Eine große Herausforderung stellte die Verbesserung der materiellen Gegebenheiten der Gemeinden dar. Die Lage war so schwierig, dass weder Kirchen und Pfarrhäuser renoviert werden noch den Pfarrern ein Gehalt gezahlt werden konnte, von dem ein Überleben ihrer Familien möglich war. So blieb Adam Kirchhain aus Beilstein, der neun Jahre Pfarrer in Lützellinden war, nichts anderes übrig, als den Grafen von Nassau-Weilburg darum zu bitten, eine zusätzliche Pfarrei übernehmen zu dürfen. Er war nach seiner Zeit in Lützellinden nach Weilburg gewechselt. Weitere Ziele bei der Einführung der Reformation waren die Verbesserung des Bildungsstandes der Bevölkerung, auch durch eine Neuordnung des Schulwesens, die Verbesserung der theologischen Bildung der Pfarrer sowie des sittlich-moralischen Standes der Bevölkerung und der Pfarrpersonen. So wurde in der „Hüttenberger Disziplinarordnung“ von 1543 beispielsweise festgelegt, wie man mit „Gotteslästerern“, „Vollsaufen“, „Unehelichen Beilegern“, dem „Kirchgehen“, dem „Tanzen“ oder „Kristallsehern und Wahrsagern“ umzugehen habe. Über das moralisch-sittliche Niveau der Pfarrerschaft und ihre Bildung wachten die Hüttenberger Synoden, deren erste 1547 stattfand. In diesem Jahr geriet auch infolge des Schmalkaldischen Krieges der Protestantismus am Hüttenberg in Gefahr. Das Augsburger Interim von 1548 sollte die Rückkehr zum Katholizismus vorbereiten, doch die Pfarrer des Hüttenbergs und in der umliegenden Region lehnten das Interim mit einem Protestschreiben ab und hatten dabei Rückhalt von Landgraf Philipps ältestem Sohn Wilhelm. 1555 wurde schließlich mit dem „Augsburger Religionsfrieden“ die Gleichberechtigung zweier Konfessionen festgeschrieben.

„Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass reformatorisches Christentum sich nicht auf die Abschaffung des katholischen Gottesdienstes beschränkt, sondern den ganzen Menschen in allen Facetten seiner Lebenswirklichkeit im Blick hat“, so Dr. Metzing abschließend. Dabei müsse sich Kirche auch heute an ihrem ursprünglichen Auftrag messen und verändern lassen.

Indem er die detaillierten Fragen und Anmerkungen der kirchenhistorisch interessierten Zuhörer aufnahm, gab Metzing darüber hinaus einen Einblick in weitere Einzelaspekte des reformatorischen Lebens auf dem Hüttenberg.

Die Festschrift zum Reformationsjubiläum „Lützellinden und der Hüttenberg im Zeitalter der Reformation“ ist für eine Schutzgebühr von zwei Euro erhältlich bei der Evangelischen Kirchengemeinde Lützellinden, Fritz Hoßbach, 06403 – 4340.